Es war seit langem der größte Traum meines Vaters vor seinem Tod einmal zum Oktoberfest nach München zu reisen. Trotz größtem Unwillen von Seiten meiner Mutter sollte das legendäre Ereignis dieses Jahr stattfinden. So luden meine Eltern neben frischen Socken auch ihre Tochter ins Auto und gemeinsam fuhren wir in die Weltstadt mit Herz, die schon seit einiger Zeit der Zweitwohnsitz meines Bruders und seines Schneckerls ist. Obwohl es sich bei unserem Besuchstag um einen ordinären Donnerstagabend handelte, wurde unsere U – Bahn bereits nach fünf Stationen für voll erklärt. Schließlich waren wir an der Endstation Theresienwiese angekommen und nachdem wir auf elektronischen Stufen aus dem Zwielicht des Untergrunds hinauf in die gleißende Helligkeit eines vollkommenen Spätsommertages fuhren, erstreckte sich vor uns ein glitzerndes Paradies von Schießbuden, Fahrgeschäften und Bierzelten. Wir tauchten ein in diese fremde Welt und ließen uns mit dem Strom treiben. Bis zum nächsten Bierzelt; denn schließlich waren wir nicht zum schauen, sondern zum trinken da… und mein Vater verspürte bereits in Erlangen einen mächtigen Bierdurst. Glücklich fanden wir einen Platz im Biergarten eines hier nicht näher zu erwähnenden Bierbrauers und sofort stürzte sich meine Familie auf saures Lüngerl, halbes Hendl, Suhaxn und einige Maß Bier. Ein Wunsch ging in Erfüllung und ich verlies meine zufriedene Familie um zu neuen Ufern aufzubrechen und der Poesie des Augenblicks leise ‚Lebe wohl’ zu sagen…
Denn ich hatte noch eine andere Verabredung an diesem Tag, mit dem Sonnenschein meines Lebens, meinem lieben Freund Chris. Der Gute hatte allerdings nicht nur eine Verabredung mit mir, sondern mit zwanzig weiteren Maschinenbau(!)studenten seines Semesters, die schon in froher Erwartung vor dem nächsten Zelt standen. Voller Enthusiasmus rief er dann auch in die Runde: Alles mal herhören, dass ist die Silvi aus Erlangen! (zum Glück hast du nicht verraten, dass ich Geisteswissenschaften auf Magister studiere, sonst hätte wohl niemand mit mir geredet) Ungefähr 40 Paar Augen richteten sofort ihren kritischen Blick auf mich und nachdem sich der Boden unter den Füßen entgegen meiner Erwartung nicht aufgetan hatte, durfte ich alle Hände schütteln, wobei ich mir noch nicht mal die Hälfte der Namen merken konnte. Was allerdings keine Rolle spielt, denn wir verabschiedeten uns ziemlich bald um von einem bereits stark angeheiterten Schröder (da lacht die Union) ins nächste Zelt geschleust zu werden. Hier fand sich tatsächlich eine Bank besetzt mit Chris’ Bekannten und gerade angekommen wurde ich erstmal meinem Schicksal überlassen, denn meine Begleitung hatte dringende Geschäfte zu erledigen. So stand die einsamste Garnele großäugig inmitten von Bierdunst und Blasmusik, während sie versuchte ihre Unsicherheit durch gelangweiltes Beobachten der grölenden Umwelt zu kaschieren. Am Tischende saß dann mein späterer Verehrer und Heiratskandidat (nennen wir ihn mal Karl), der sich meiner bereitwillig annahm. Ich hätte auf meine Intuition hören sollen, denn was soll schon dabei rauskommen, wenn der ranzenspannerte, bald glatzenpeerige, schwäbische Doktorand in Maschinenbau und die fränkische Halstuchschnecke zusammen auf der Bierbank zu Pata Pata tanzen? - Natürlich gar nichts! Was mir gleich und ihm leider gar nicht klar war. Einzelheiten wollen wir uns an dieser Stelle ersparen, aber mal ehrlich Karl: ich wäre NIE mit dir nach hause gegangen (nur mit 1/2 Maß intus und dann hätte ich die berechtigte Hoffnung als Abstinenzlerin gehabt mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert zu werden); ich werde dich NIE heiraten (und nicht nur, weil Chris dich vor dem Altar erschießen würde), und obwohl du dir Mühe gegeben hast, kannst du NIE so lustig sein wie der Chris. Und bitte, versuche NIE wieder einen meiner Freund zu testen ob sich mich wirklich kennen und verdient haben, indem du sie nach meiner Augenfarbe fragst, denn der Schuss konnte nun mal nur nach hinten losgehen!!! Nach vielen Fotos, Vergabe meiner Handynr. an Karl (keine Sorge Leute, dass ist nur wegen den Fotos), sinnlosen Gesprächen, charmanten Komplimenten (hey, erst hab ich gedacht, was ist denn das für eine Tuss, aber jetzt…; danke Schröder!) und einer Einladung zur Maschinenbau-Erstsemesterparty in München (danke Chris Nr.1) war der erste Teil des Abends erfolgreich überstanden.
Dann eilten wir weiter zum nächsten: dem Atomic Cafe (= das Indie Mekka Münchens; danke Nicole für diese Info). Die Lokalität war eher klein, siebziger Jahre mäßig mit orangefarbenen Plastikstühlen, einem silbernem Glitzervorhang und einem Kiosk eingerichtet und hat mich alles in allem ziemlich an den Club auf der Reeperbahn erinnert. Es folgte schweißtreibendes Tanzen zu partiell französischer Musik und ein Gespräch der besonderen Art. Ein hobbitgroßer, bärtiger Kappenträger in lässigem Kapuzenpulli chillte zu mir rüber (Vivien glaub mir, der war auch nie Großraumdisco!). Hier ein Livemitschnitt unserer kleinen Unterredung:
Er: Kannst du mir einen Gefallen tun?
Ich: (What’s the dealiyoh)Vielleicht, was denn?
Er: Kannst du am Kiosk mal nach Oliven fragen? Sie wollen mir keine geben!
Ich: (I missed the part where that’s my problem)Vielleicht haben sie einfach keine?!?!
Er: Ja, ich weiß, aber ich hab nach dem Saufen immer so Lust auf was Salziges.
Ich: (I’ve got a newsflash for you)Es ist mir ehrlich gesagt egal, denn ich bin das erste und wahrscheinlich letzte Mal hier und ich mag auch keine Oliven!
Er. Aber ich bin immer hier.
Ich: (Put a cork in it!)Dann mach doch eine Pro – Oliven – Petition draußen an die Tür!
Er: Hey, cool. Das mache ich! – (That's what I'm talking about)...
Irgendwann brachen wir dann gen Heimat auf und auch hier gab es noch einige Überraschungen für mich. Chris Mitbewohner Simon, die personifizierte Kombi aus schwierig und seltsam, entschied sich am Stachus dazu meine Spontaneität noch weiter auf die Probe zu stellen und in wortreiche Diskussionen mit unschuldigen Passanten zu transformieren. Hier trafen wir auf zwei Amerikanerinnen und einen riesigen Schotten, die gerade ihr Nachtmahl einnahmen. Wesentliche Inhalte des Gespräches: New York und London sind „shitholes“(Baby, I’d rather say derelict); Britney Spears ist „ a slut“; alle deutschen Mädchen, so auch ich, sind „gorgeous“ und „dressed in a classic way“ (hey, dabei konnte man meine dreireihige Perlenkette und das rosa Chanel Ensemble unter der Regenjacke gar nicht sehen) und der Simon kann sich meiner glücklich schätzen (oh nein, hatte die Wahrsagerin am Ende doch recht?).
Endlich war das Gespräch beendet, die Nachttram fuhr uns sicher ins Ghetto und nach zehn Treppen (denn natürlich wohnen die Jungs gaaanz oben im Hochhaus) war ich in Chris’ Männer –Wg angekommen. Ich denke, dass hier keine Beschreibung von Nöten ist, außer das ich sofort das Bedürfnis hatte das Bad zu putzen:-) Nein, im Ernst bis auf die fehlende Bürste hat es mir an nichts gemangelt und ich habe mich sehr wohl gefühlt. An dieser Stelle ist noch eine kleine Anekdote erwähnenswert: Der Strom im Bad ist mit Simons Zimmer verbunden. Nächtens beliebt es dem Herren aber strahlungsfrei zu schlafen, weshalb Sicherung Nr.7 vom letzten Badbenutzer ausgeschaltet wird. An dieser Stelle meine Frage: was tue ich, wenn’s bressiad wia d’Sau? Die Antwort: Entweder mache ich das Licht im Gang an und lasse die Tür ein Stück offen (oh nein, sicher nicht) oder aber ich laufe zum Sicherungskasten hin, etc. Tja, meine Hoffnung nicht in der Dunkelheit zu müssen wurde natürlich bitter enttäuscht und so wählt ich Möglichkeit Nr.3 aus. Da ich sehr gut im Dunklen sehen kann, dachte ich einfach mal, dass die Lichtstreifen in Chris Zimmer und im Gang ausreichen würden um mich sicher ins Bad zu geleiten. Oh ja, das war auch so. Doch erst als ich die Tür geschlossen hatte, wurde mir klar, dass ich einen logischen Fehler begangen hatte: es gab hier kein Fenster. Was dazu führte, dass ich ungefähr fünf Minuten die Heizung befingerte auf der Suche nach dem Toilettenpapier. Manchmal hast a Pech!
Alles in allem kann ich rückblickend sagen, dass es ein einmaliges Erlebnis war, ich bestimmt noch mal auf die Wiesn fahren werde (wenn ich auch nach wie vor ein Fan der Bergkirchweih bleiben werde!), meine Vorurteile gegen Maschinenbauer großteils abgebaut wurden und ich noch lange mit Freude an diesen phänomenalen Abend zurückdenken werde.
Chris, ich danke dir für alles, du bist & bleibst der Beste und ich freue mich auf unser nächstes Wiedersehen! (P.s.:der Toaster bekommt einen Ehrenplatz auf meinem Fensterbrett!)
Noch eine kleine Anmerkung, nur für meine (ehemaligen) Mitbewohner(innen): ich habe dreimal aus einer benutzten Wasserflasche getrunken, auf der Wiesn waren das vor mir mindestens fünf wildfremde Leute, ansonsten zum Glück nur der Chris (das war auch total ok). Tja, da staunt ihr, oder? Things have changed?!
| | sherrytook ( |
Oans, zwoa, gsuffa – Oktoberfest für Anfänger
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